25 May 2017

Sternstunden der Menschheit

Meine Wertung

Die "Sternstunden der Menschheit" sind zwischenzeitlich verblasst!

Man muss kein Historiker sein, um festzustellen, dass die "Sternstunden der Menschheit", die Stefan Zweig in diesem Band aus dem Jahr 1951 buchstäblich in den Himmel lobt, einer kritischen Betrachtung nicht standhalten. Zugegeben, diese zwölf historischen Miniaturen mit geschichtswissenschaftlichem Maßstab messen zu wollen, wäre nicht fair. Die dominierenden Charakteristika in den Werken von Stefan Zweig, d. h. Tragik, Drama, Melancholie und Resignation scheinen zwar durch, aber sein Versuch, den Lesern quasi ein historisch-psychologisches Destillat anzubieten, scheitert nicht zuletzt an seiner in diesem Ausmaß ungewohnt hochstilisierten Sprache. Das Buch gilt laut Wikipedia "heute" als "klassische Schullektüre" und dies wird seine eher abschreckende Wirkung nicht verfehlen. Wahr ist aber auch, dass diese vermeintlichen "Sternstunden der Menschheit" für heutige Schülergenerationen zu Recht nicht mehr die Strahlkraft entfalten, die Stefan Zweig ihnen allzu bemüht einhauchen wollte.

17 April 2017

Der Abituriententag

Meine Wertung

Prag, eine kleine österreichische Stadt?

Richtet man sich nach dem Klappentext des Buches, dann spielt "Der Abituriententag" von Franz Werfel "um die Jahrhundertwende in einer kleinen österreichischen Stadt". Glaubt man Wikipedia, spielt er hingegen "in einer Großstadt zwischen den beiden Weltkriegen", vermeintlich in Prag. Was denn nun, Provinznest oder Metropole, Jahrhundertwende oder Zwischenkriegszeit? Beides richtig, denn der Schulversager Ernst Sebastian von Portorosso, wird von seinem Vater, zu Zeiten der Monarchie Präsident des Obersten Gerichtshofes, aus Wien verbannt. Nach seinem Abitur im Jahr 1902 trifft er fünfundzwanzig Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, seine damaligen Mitschüler auf einer Abiturientenfeier wieder. "Nicht das Milieu der Schule, nicht die Verirrungen der Jugend, keinerlei psychologische und weniger noch pädagogische Nebenansichten bilden den wahren Gegenstand der Geschichte, die eine, nein, vielleicht die allerfurchtbarste Frage des menschlichen Lebens aufzuwerfen wagt: Die Frage der Schuld". Im Jahr 1928 erschienen, ist es vielleicht dieser Satz von Franz Werfel aus dem Jahr 1937, der - immer wieder brav zitiert von seinen Rezensenten - von der politischen Dimension dieses Romans ablenkt. Es werden nicht nur die Folgen des Ersten Weltkriegs deutlich - nur die Hälfte der Abiturienten erscheint zum Abituriententag, die Übrigen sind bereits gestorben, im Krieg gefallen, unauffindbar oder haben sich der Einladung entzogen - auch der aufkommende Nationalsozialismus  wird durch den Deutschlehrer Stowasser, dem streng nationalen Burschenschaftler personifiziert. Vielleicht war es für den Juden Franz Werfel, ein Jahr vor dem sogenannten "Anschluss" Österreichs durch die Nationalsozialisten und seiner Emigration in die USA nicht opportun, die politischen Aspekte des Buches übermäßig zu betonen. Gerade die sind es jedoch, die, zusammen mit dem gelungenen Plot, die Lektüre dieses Buches so lohnend machen.

10 April 2017

Schlaflose Tage

Meine Wertung

Sozialistischer Realismus und eine ausgewachsene Midlife-Crisis

Anders als Karl Simrock, der Protagonist in seinem spannenden und zugleich humorvollen Roman "Schlaflose Tage", hat Jurek Becker die Auflösung der DDR selber noch erlebt. Sozialistischer Realismus ist eine Stilrichtung der Kunst des 20. Jahrhunderts, könnte aber als Oberbegriff den Rahmen für das berufliche und persönliche Dilemma bilden, in das der Lehrer Karl Simrock gerät. Nun heben sich aber Realismus und Sozialismus gegenseitig auf - zurück bleibt eine tiefe Leere, in die Karl Simrock zu stürzen droht, wären da nicht die starken Frauen und ein mutiger Kollege in seinem Umfeld. Reicht das aber, um nicht unterzugehen? Das darf der Leser selber herausfinden. Der 1978 entstandene Roman durfte zwar in der DDR nicht erscheinen, aber, quasi als ausgleichende Gerechtigkeit, verschwand zwölf Jahre später die DDR von der Bildfläche, während Jurek Beckers Werk uns als Stück Zeitgeschichte erhalten bleibt.

30 March 2017

Bronskys Geständnis

Meine Wertung

Fuck America…

...wurde als Titel "Bronskys Geständnis" vorangestellt und der autobiografische Roman von Edgar Hilsenrath eröffnete 2003 die zehnbändige, von Helmut Braun herausgegebene Werkausgabe des Dittrich Verlages. Damals schon, mehr als ein Jahrzehnt vor Trump und der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015, schrieb der Verlag: "Wer das Buch in diesen Tagen liest, muss unwillkürlich auch an die Situation heutiger Emigranten in Deutschland und anderen europäischen Staaten denken." Klar, Antiamerikanismus und Flüchtlingskrisen haben in Deutschland immer Konjunktur, aber diese marktschreierische Anbiederung an den Zeitgeist ist überflüssig. Geschenkt, wenn es denn dazu führt, dass dieses herausragende Werk gelesen wird. Für Jakob Bronsky, das Alter Ego von Edgar Hilsenrath, geht es - bescheidener und zugleich treffender - um "die handfesten Probleme eines unbekannten und mittellosen Schriftstellers, vor allem aber, eines deutschen Schriftstellers jüdischer Abstammung in einem fremden Land, einem Land, das ich nicht begreife und das mich nicht begreift." "Bronskys Geständnis" steht Edgar Hilsenraths bekannteren Romanen "Nacht" und "Der Nazi und der Friseur" in nichts nach.

23 March 2017

Die Kannibalen und andere Erzählungen

Meine Wertung

Propaganda auf Schülerzeitungsniveau

Das kommt dabei heraus, wenn sich drei Kommunisten mit jugendlichem Enthusiasmus zusammentun, um Amerika schwarzzumalen und die DDR weißzuwaschen. Aber so jugendlich, wie man meinen sollte, waren die drei im Erscheinungsjahr 1953 nicht mehr. Stefan Heym, der Autor, war 40, der Verleger Johann Fladung schon 55 und Max Schwimmer, der Illustrator, hatte die 60 fast erreicht. Wenn man zudem bedenkt, dass Stefan Heym seinen Welterfolg "Crusaders / Kreuzfahrer" oder "Der bittere Lorbeer" schon Jahre vorher veröffentlicht hatte, staunt man über die naive und völlig durchschaubare Erzählperspektive. "Eine wahre Geschichte", bei der es um die Entdeckung und zunächst widerwillige Sicherung der Mitgliederkartei der NSDAP durch die Amerikaner geht, ist der einzige Lichtblick innerhalb der zehn Erzählungen. Immerhin prägte sich daraus folgender Satz für die Nachwelt ein: "Heute ist es westlich der Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik direkt eine Empfehlung, wenn man eine Karte mit seinem Namen darauf in der großen Kartothek der Nationalsozialistischen Partei hat." Der heuchlerische Umgang der Nachkriegs-BRD mit der Entnazifizierung ist vielleicht die einzige Erklärung / Rechtfertigung für diesen ansonsten schlichten Erzählband; deshalb amüsant, aber auch nur deshalb!

18 March 2017

Wie war's wirklich

Meine Wertung

Die süße Zeit der Ichsuche

Christian Stahl, der für Amazon den Erzählungsband "Wie war’s damals" präsentiert, schreibt: "In der amerikanischen Originalausgabe sind diese zwölf Erzählungen gemeinsam mit 'Rabbit, eine Rückkehr' publiziert, ein längerer Text über Updikes bereits gestorbenen Serien-Romanhelden Harry 'Rabbit' Angstrom und wie es mit dessen Familie weitergeht. Updikes deutscher Verlag hat sich entschieden, daraus zwei Bücher zu machen. Was schade ist, weil das gemeinsame Thema der mal melancholische, mal ironische Blick zurück ist." - Alles richtig, aber schade ist es nicht, denn die zwölf meisterhaften Erzählungen von John Updike stehen für sich und sind viel mehr als nur "Bonusmaterial" zum "Rabbit"-Thema. In seinen "Szenen aus den Fünfzigern" wendet sich der Autor, als alternder Antiquitätenhändler getarnt, direkt an den Leser: "Ob Sie es glauben oder nicht, Leser des Jahres 2000, die Fünfziger waren eine süße Zeit der Ichsuche, strotzend, wie mein Geschäft, von täglicher Erwartung und stillem Wert." Das gilt für die Leser des Jahres 2017 unverändert und die "süße Zeit der Ichsuche" endete nicht etwa mit den Fünfzigern; die drei Jahrzehnte danach kann man getrost hinzufügen und deshalb bleibt diese Suche nach den letzten Wahrheiten für Autor und Leser gleichermaßen aufregend.

12 March 2017

Round Trip from Pomerania in Prussia to Bukovina in Austria-Hungary

These are prints from photographic plates, which are for sure more than one hundred years old. They show the family of Georg Heinrich Traugott Kirsten, Protestants who lived between 1884 - 1888 in Stralsund in Pomerania on the southern shore of the Baltic Sea. In the year 1888 they moved to Stargard, where Georg became Royal Prussian Railways Director, subsequently Privy Council. He headed the Stargard Railways Repair Workshop, one of the dominant empolyers in Pomerania.


I recovered these photographic plates (and other 100+) on the occasion of my "2016 Motorcycle Ride to Bukovina" from "Adrian's Magnificent Chaos En Route to Suceava". In January I published under the headline "Bukovina or not Bukovina? • That is the Question!" a first photo series, which became increasingly popular. Apart from these eight photos, which were almost sure from Bukovina, all others were from Pomerania in Prussia. Enthusiastic about this find, the Stargard Museum of Archeology and History acquired all Stargard related photographic plates and will place them on display soon. The round trip from Pomerania in Prussia to Bukovina in Austria-Hungary came to an end. Exciting!